Matera ist eine der meistfotografierten Städte Italiens, und das ist zugleich ihr Glück und ihr Missverständnis. Denn die Sassi sind keine Aussicht: Sie sind ein System, in dem Menschen Jahrtausende lang lebten, indem sie den Fels aushöhlten — und bis vor siebzig Jahren war dieses Leben noch bitterhart. Wer nur für das Sonnenuntergangsfoto kommt, verpasst die Geschichte, die Matera zu einem der erstaunlichsten Orte des Mittelmeers macht.
Dieser Beitrag ist dafür, sie wirklich zu sehen.
Was man in Matera sehen sollte, in der richtigen Reihenfolge
1. Was die Sassi sind
Die Sassi sind zwei Viertel — Sasso Caveoso und Sasso Barisano — in die Flanken einer Gravina gehauen, der vom Bach gegrabenen Schlucht. Es sind keine Häuser “mit” Höhle: Es sind Häuser, die Höhle sind, über die Jahrhunderte erweitert und vorn vermauert. Zwischen den beiden Sassi erhebt sich die Civita, der Felssporn mit dem alten Kern der Stadt.
Von den Aussichtspunkten sieht man das Ganze. Aber um sie zu verstehen, muss man hinabsteigen, in die Gassen, die zugleich Straße und Dach des darunterliegenden Hauses sind.
2. Das Wasser: das System, das Matera überleben ließ
Das, was niemand fotografiert, ist das Genialste. Eine in den Fels gehauene Stadt ohne Fluss überlebte Jahrtausende dank eines außergewöhnlichen Wassersammelsystems: Zisternen, Kanäle, überall gegrabene Becken. Die größte ist der Palombaro Lungo, eine riesige unterirdische Zisterne unter der Piazza Vittorio Veneto, so hoch wie ein Haus.
Bevor Matera schön war, war es klug: Jeder Regentropfen wurde gesammelt und aufbewahrt. Das machte das Leben im Fels möglich.
3. Das Leben in den Sassi und die “Schande Italiens”
Bis in die 1950er Jahre war das Leben in den Sassi bitterhart: ganze Familien in einem einzigen gehauenen Raum, zusammen mit den Tieren, mit sehr hoher Kindersterblichkeit. 1952 ordnete ein Staatsgesetz die Räumung der Sassi an: Tausende Menschen wurden in neue Viertel umgesiedelt, und die Stadtteile standen jahrzehntelang leer.
Man nannte es die “nationale Schande”. Diese Geschichte zu kennen verändert alles: Die Sassi, die heute Hotels und Restaurants sind, sind dieselben Häuser, aus denen der Staat vor siebzig Jahren die Menschen evakuierte. Die Schönheit und die Wunde sind derselbe Ort.
4. Die Felsenkirchen
In den Sassi und entlang der Gravina verstreut liegen über hundert Felsenkirchen: in den Stein gehauene Kultstätten, einige mit noch sichtbaren byzantinischen und mittelalterlichen Fresken. Sie sind die Spur einer alten Frömmigkeit, von Mönchen und Gemeinschaften, die den Fels wählten wie die weltlichen Bewohner.
Versuch nicht, alle zu sehen: Schau dir zwei oder drei aufmerksam an. Santa Maria de Idris und San Pietro Barisano gehören zu den bekanntesten.
5. Die Civita und der Dom
Auf der Spitze der Civita steht der Dom, die apulisch-romanische Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert, die beide Sassi überragt. Von dort oben begreift man die Geografie der Stadt: die beiden Viertel, die zu beiden Seiten abfallen, die Gravina davor, die Murgia dahinter.
Die Civita ist auch der älteste Kern, der Punkt, von dem Matera ausging, bevor es sich in die Sassi ausdehnte.
6. Die Murgia: die Seite, die niemand mitrechnet
Auf der anderen Seite der Gravina öffnet sich der Naturpark Murgia Materana: ein felsiges Hochland, weitere Felsenkirchen und der Aussichtspunkt, von dem aus man ganz Matera sieht, so wie die Regisseure es sahen, die hier Dutzende Filme drehten. Es ist die Perspektive, die zeigt, warum die Sassi genau dort liegen.
Man erreicht sie zu Fuß (Pfade durch die Gravina) oder mit dem Auto. Am schönsten bei Sonnenauf- oder -untergang.
Wie viel Zeit du brauchst und wann du kommen solltest
Ein Tag: die beiden Sassi, der Palombaro, eine Felsenkirche, der Dom. Machbar, mit viel Gehen.
Zwei Tage: dazu die Murgia auf der anderen Seite, mehr Felsenkirchen und Zeit, sich in den Gassen zu verlieren — die richtige Art, in Matera zu sein.
Wann: Frühling und Herbst sind ideal. Im Sommer speichert der Stein die Hitze, und die schattenlosen Gassen sind mittags hart; im Winter ist das Licht auf den Sassi schön, aber die Tage sind kurz.
Was die üblichen Reiseführer nicht zeigen
Fotos zeigen die Sassi. Sie zeigen nicht das Wasser unter deinen Füßen, das bitterharte Leben, warum der Staat eine ganze Stadt evakuierte, wie Matera von der “Schande Italiens” zum UNESCO-Welterbe und zur Europäischen Kulturhauptstadt wurde.
Die Audio-Erzählung Matera — Die Sassi wird von jemandem erzählt, der in den Sassi geboren wurde: Sie zählt keine Denkmäler auf, sie lässt dich verstehen, wie man lebte. Eine halbe Stunde, die verändert, was du siehst, wenn du den Blick wieder hebst.
Häufige Fragen zu Matera
Wie viele Tage braucht man für Matera?
Für die Sassi, den Palombaro Lungo, eine Felsenkirche und den Dom reicht ein voller Tag. Um die Murgia hinzuzunehmen und Matera in Ruhe zu sehen, sind zwei Tage besser.
Kann man die Sassi kostenlos besichtigen?
Durch die Sassi zu gehen ist frei. Die Museums-Höhlenhäuser, die wichtigsten Felsenkirchen und der Palombaro Lungo kosten Eintritt. Mehrere Orte lassen sich mit einem Kombiticket besuchen: vor Ort prüfen.
Wie bewegt man sich in den Sassi?
Nur zu Fuß, mit vielen Treppen und Höhenunterschieden. Bequeme Schuhe sind ein Muss. Die Sassi sind nicht mit dem Auto und großteils auch nicht mit Kinderwagen oder Rollstuhl zugänglich.
Welcher ist der beste Aussichtspunkt?
Um die Sassi von oben zu fotografieren, die Aussichtspunkte in der Stadt. Um ganz Matera von vorn zu sehen, der Aussichtspunkt der Murgia, auf der anderen Seite der Gravina.
Liegt Matera in Apulien?
Nein: Matera liegt in der Basilikata, aber direkt an der Grenze zu Apulien und wird oft zusammen mit Apulien besucht. Von Bari aus erreicht man es in etwa einer Stunde.
Quellen und Methode
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